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Out there!


Was treibt mich immer wieder da raus? Bei Witterungsverhältnissen jenseits der Schmerzgrenze stehe ich stundenlang im Meer herum. Jeden Monat des Jahres, Kälte und Hitze trotzend, die Fliegenrute dabei fest in der Hand. Ist das eigentlich noch normal? Ich habe dazu recherchiert.

Gemäß einer Studie von Robert Arlinghaus, Professor am Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei geht es beim Angeln nicht um den Fisch. Zu diesem Ergebnis kommt er in seiner veröffentlichten Studie "Arlinghaus NAJFM". Sein trockenes Resumé: Die Motivation eines Anglers besteht aus der Vorfreude und der Erwartung, völlig unabhängig vom tatsächlichen Fangergebnis.

Naja, ich sehe das anders. Aber tatsächlich ist die Fliegenrute nicht gerade das effektivste Gerät für den Fischfang. Ein Blick auf die Weltgeschichte lehrt bessere Techniken. Es gab Urvölker, die mit Giftpfeilen jagten. Im alten Testament wird das Fischen mit Netzen erwähnt und Hemingway beschreibt in seinem Roman „Der alte Mann und das Meer“ die traditionelle Fischerei mit Langleinen. Genau genommen wurde überall und zu jeder Zeit gefischt – mit Pfeil und Bogen, Keschern, Reusen, Netzen, Harpunen und Speeren. Nur die Fliegenrute taucht in der Weltgeschichte so gut wie nicht auf.

Wer sich mal die Mühe macht und Angelliteratur der letzten 600 Jahre durchackert, stößt auf die Schriftstellerin und Freifrau Juliana Berners, geboren 1388 in England. Sie erwähnt in ihren Aufzeichnungen "A treatyse of fysshynge wyth an angle" zum Ersten mal das Fliegenfischen, wie wir es vom Prinzip noch heute praktizieren. Aber bekannt und massentauglich war es damit noch lange nicht - im Gegenteil. Die folgenden 200 Jahre war Fliegenfischen vielmehr dem exzentrischen Adel vorbehalten. Normalsterbliche konnten sich diesen Spaß nicht erlauben.

Das änderte sich schlagartig, als im Jahre 1653 ein Buch mit dem Titel „Der vollkommene Angler - Eines nachdenklichen Mannes Erholung“ erschien. Der Autor Izaak Walton, ebenfalls englischer Abstammung, war der Sohn eines Kneipenwirts, der als Eisenwarenhändler seinen Unterhalt verdiente. Sein Werk schlug ein wie eine Bombe. Nur die Bibel und Shakespeare erreichten höhere Auflagenzahlen – so heißt es. Und das, obwohl es auf der Insel im Jahr der Veröffentlichung alles andere als ruhig war. Der König wurde während eines Militärputsches geköpft, gegen die Niederlande wüteten heftige Seeschlachten, die Schotten riefen zum Aufstand auf und in Irland waren Scharmützel mit Rebellen an der Tagesordnung.

Aber Izaak Waltons Meisterwerk mit den fünfundsechzig aufgelisteten Möglichkeiten, eine Fliege zu binden sowie die Beschreibung, Leinen aus Pferdehaar zu knüpfen, fesselte die Massen. Sätze wie „Was der Wein unter den Getränken, ist die Forelle unter den Fischen“ taten das ihrige dazu. Sein Buch löste eine regelrechte Angelobsession aus, allem kriegerischen Treiben zum Trotz.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Weitere Bücher anderer Autoren erschienen in den folgenden Jahren. Eines von ihnen stach besonders heraus. Der britische General und Eroberer von Jamaika – Robert Venables – wurde nach einer gescheiterten Karibik-Mission in den Tower von London geworfen. Dort ließ er sich Tinte und Papier bringen und schrieb nicht etwa seine Memoiren oder das Testament – nein, er verfasste das epochale Werk „Der erfahrene Angler - Verbessertes Angeln, der viele der geeignetesten Möglichkeiten sowie Experimente vermittelt, um die meisten Fischarten aus Teich oder Fluss zu holen“. Wow, was für ein Buchtitel. Das Vorwort dazu schrieb, ihr ahnt es bestimmt, genau - Izaak Walton.

Spätestens mit diesem Werk waren alle Dämme gebrochen. England, Europa, Amerika und die Kolonien im Rest der Welt wurden mit dem Angelvirus infiziert. Die Angelrute eroberte den Planeten und wurde das beliebteste Gerät zum Fischfang. Daran hat sich die letzten 350 Jahre nichts geändert.

Ist die Meerforelle schuld?

Jetzt stehe ich wieder am Wasser, habe diese sündhaft teure Hightec-Rute in der Hand, bin trotz meiner Recherche nicht klüger und frage mich, ob wohl dieser alte britische Virus durch meine Adern fließt. Ist das der Grund? Habe ich mich als Kind infiziert? Ich weiß es nicht. Ein Gegenmittel scheint es nicht zu geben.

Ich muss wohl damit leben.

#Fliegenfischen #Meerforelle #Ostsee

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